Fotojournalismus praktisch

Fotografisches Arbeiten an Schulen? Unbedingt!

Die Digitalisierung hat auch die Fotografie und das Fotografieren stark verändert. Der analoge Fotomarkt innerhalb eines Jahrzehnts fast vollständig verschwunden. Auf einem Nischenmarkt sind aber nach wie vor Nostalgiker, Foto-Puristen, Künstler oder Hobbyfotografen mit eigenem Fotolabor tätig. Digital aber fotografiert heute fast jeder. Nicht nur Abermillionen Selfies in den sozialen Netzwerken zeugen davon, häufig wird auch mit erstaunlich guten Ergebnissen fotografiert. Und die veröffentlichten Fotos vor allem in den sozialen Netzwerken machen den Fotojournalisten – wie Printjournalisten auch – die (Deutungs-)Hoheit streitig.

Hier hat Schule einen Auftrag und eine Chance: „Das eigene Entwickeln und Gestalten von journalistischen Medien zeigt den Schülern, wie Meinungen beeinflusst und Bilder manipuliert werden können. Dies erhöht die Beurteilungsfähigkeit journalistischer Produkte und führt zu dem Verständnis, dass Medien gesellschaftliche Beziehungen und Willensbildungsprozesse beeinflussen. Das praktische und projektorientierte journalistische Arbeiten vereint alle aus den Bildungsstandards abgeleiteten überfachlichen Kompetenzbereiche: Recherche-, Strukturierungs-, Produktions-, Kooperations-, Präsentations- und Reflexions-kompetenz.“ (Konzept von n-report) Die Fotografie ist dabei von besonderer Bedeutung.

 

„Fotografisches Arbeiten stärkt das Selbstwertgefühl“

 

Fotojournalist Michael Löwa über den Reiz seines Berufes und den Mehrwert, den die Fotografie als Projektfach an Schulen hat

Michael Löwa im Interview

Sie bezeichnen sich selbst als Fotojournalist. Was zeichnet einen Fotojournalisten aus?

Beim Fotojournalismus geht es darum, dem Betrachter fremde Realitäten näherzubringen. Ich möchte Geschichten aus Gesellschaft, Politik oder Wirtschaft fotografisch so zu erzählen, dass der Betrachter der Bilder, der ja nicht vor Ort war, es trotzdem versteht. Besonderes Interesse liegt dabei auf der persönlichen Interpretation der Wirklichkeit. Dies verlangt immer auch, eine Haltung zum Objekt selbst und zum Medium Fotografie zu entwickeln. Auch wenn mir bei der Fotoreportage Aspekte wie die Auswahl des richtigen Zeitpunktes, des Ortes, der Blickrichtung durchaus bewusst sind, lebt diese Fotografie von einem authentischen Moment. Ziel ist es, die Menschen mit ihren Gefühlen, ihrer Herkunft, ihrer Geschichte, ihrem sozialen Umfeld plastisch und lebendig werden zu lassen. 

 

Hat das stehende Bild gegen das Bewegtbild im Kampf um die visuelle Aufmerksamkeit heute überhaupt noch eine Chance?

Film und Foto sind zwei so unterschiedliche Medien, die können gar nicht miteinander konkurrieren. Beide Medien haben ihre Berechtigung. Wenn man zum Beispiel Bewegungsabläufe darstellen möchte, wie etwa die Eleganz einer Tänzerin, dann sollte man sich vielleicht eher für das bewegte Bild entscheiden. Mit einem stehenden Bild erzeugt man dagegen Ruhe, es kann auf den Betrachter wirken und dessen Fantasie anregen. Ich glaube, dass ein Foto die Haltung des Fotografen zu einem Thema besser transportiert als ein Film. Und ein Foto ist weniger flüchtig, es kann gedruckt werden. Man kann es sich an die Wand hängen und es immer wieder betrachten.

 

Was ist die größte Herausforderungen, wenn sich Schüler oder Lehrer als journalistische Fotografen versuchen?

Die größte Herausforderung ist wohl, dass sie zu neutralen Beobachtern werden mussten. Es geht darum, eine professionelle Distanz zu den Protagonisten und ihrer Umgebung herzustellen. So nett ein Gegenüber vielleicht auch sein mag, man darf als Fotograf nie zum Kumpel werden. Ein guter Fotograf sollte das natürliche Geschehen so wenig wie möglich beeinflussen. Es ist ein bisschen so, als würde er in einen schlammigen Fluss steigen. Wenn er einmal drin steht, muss er abwarten, bis sich das Wasser wieder geklärt hat. Wenn er es schafft, nicht mehr als Fremdkörper wahrgenommen zu werden, kann er anfangen zu arbeiten. Das ist nicht einfach und erfordert viel Einfühlungsvermögen. Die richtige Distanz muss aber jeder für sich selbst ausloten. Das wird jeder anders definieren. Wichtig ist, dass sich der Fotograf vor Ort wohlfühlt.

 

Welche Ratschläge leiten Sie aus Ihrer Erfahrung in den Workshops für n-report für die Arbeit in den Schulen ab?

Ein Lehrer sollte jeden Schüler als Individuum mit einem ganz eigenen Talent betrachten. Er sollte die Leistungen eines Schülers auf keinen Fall an den allgemeingültigen Maßstäben zu messen. Es geht darum, die Begeisterung der Schüler zu wecken, ihr Interesse. Jeder Mensch hat Talente, und ein Lehrer muss versuchen, diese zum Vorschein zu bringen. Das geht nur, wenn ein Schüler ohne Schere im Kopf herausfinden darf, was ihn interessiert. Er muss seine eigene Stimme finden und diese im Laufe der Zeit ausbilden.

 

Wo liegt der Mehrwert für Schulen, Fotojournalismus im Rahmen eines Medienschwerpunkts anzubieten?

Schüler bekommen durch die Fotografie einen besseren Bezug zu sich selbst. Durch die Beschäftigung mit der Fotografie bekommen sie ein neues Selbstwertgefühl. Ein Schüler merkt dann vielleicht zum ersten Mal, dass es großen Spaß machen kann, sich Inhalte selbst zu erschließen. Einmal nicht für Noten lernen zu müssen kann ein wunderbares Erweckungserlebnis sein.

 

Wie gelingt es, Schüler für das Thema Fotografie zu begeistern? Wo sollte man Schüler Ihrer Meinung nach abholen?

Es ist wichtig, dass die Schüler die Themen selbst vorgeben. Es geht darum, sie zu mündigen Menschen zu erziehen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Der größte Fehler wäre es, ein Grundthema vorzugeben, in das dann alle Schüler hineingepresst werden, ob sie das Thema nun interessiert oder nicht.

 

Welche Fotografie-Themen könnten Sie sich an Schulen vorstellen?

Das sollten Themen aus der Lebenswelt der Schüler sein, also Themen, zu denen sie einen exklusiven Zugang haben. Man könnte zum Beispiel den Schulalltag aus Sicht der Schüler schildern. Dabei sollte der noch unverstellte Blick der Schüler unbedingt gewürdigt werden. Die Lehrer sollten sich von den Schülern inspirieren lassen und nicht glauben, sie wüssten es besser. Unvoreingenommenheit ist Trumpf. Die Schüler sollten das Gefühl haben, dass sie auch was zu sagen haben.

 

Zum n-report: http://n-report.de/tag/fotojournalilsmus/

Zum LUMIX, dem Festival für jungen Fotojournalismus: http://fotofestival-hannover.de/

Zur Galerie für Fotografie (GAF)in Hannover: http://gafeisfabrik.de/galerie/

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Festival für jungen Fotojournalismus

Das 6. LUMIX Festival fand vom 20. bis 24. Juni 2018 statt:

Fotowettbewerb für Schüler beim LUMIX Festival

SchülerInnen konnten Reportagen einreichen. Zur Ausschreibung:

n-report.de

Kategorie Fotojournalismus

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