Utopien - alternative Zukunftsentwürfe

"Utopien sind die Kraftquellen jeder Emanzipationsbewegung. Sie entspringen der Empörung über unerträgliche Zustände und öffnen den Blick auf ein gerechtes Gemeinwesen. In ihnen ist die Hoffnung auf Veränderung angelegt. Doch die kann nur gelingen, wenn aufgeklärtes Denken, wenn politische Urteilskraft zum Zuge kommt" (Oskar Negt)

Aber, wenn wir nicht in der Lage sind, uns Politik auch als die Kunst der Utopie vorzustellen,
ist alles, was uns übrig bleiben wird, eine düstere Zukunft, eine Anti-Utopie."
(Yanis Varoufakis)

Das Vorausträumen ist der Zustand von Jugend, der Zustand von Wendezeiten und der Zustand von Kreativität, worin ein neues geschaffen wird, das es bisher noch nicht gab das aber fällig ist, weil es möglich wurde.
(Ernst Bloch)

 

"Der Utopiegedanke hat in der Pädagogik eine wichtige Funktion. Er steht dafür, im Verhältnis zwischen Wirklichkeit und Möglichkeit die Vorstellung eines anderen Lebens für sich bzw. für die Gesellschaft entwickeln zu können. Im Mittelpunkt steht, das Bestehende nicht als unveränderliche „Doxa“ hinzunehmen, sondern durch kritische Reflexion des Bestehenden und das In-Frage-Stellen vermeintlicher „Sachzwänge“ alternative Realitäten zu denken und umzusetzen." (Helmut Bremer und Michaela Kuhnhenne (Hrsg.): Utopien und Bildung, Düsseldorf 2017, S.7)

Der Begriff Utopie bedeutet Nicht-Ort. Die Utopie ist eine Idee von einem Ort, an dem die Menschen gut zusammen leben. Utopisches denken, fragt nach den gesellschaftlichen Möglichkeiten, die die im Gegenwärtigen noch nicht realisiert sind. Die Tatsache, dass es noch keinen Ort auf der Welt für sie gibt, besagt nicht, dass die Utopie immer unmöglich. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass sie zu dem Zeitpunkt, an dem sie erdacht wird, nicht oder noch nicht möglich ist.

Utopisches Denken sucht Antworten auf die Frage, in welcher Zukunft wir leben wollen. Utopiegeleitetes politisches Handeln zeigt sich in der Produktion von Möglichkeitsräumen in der Gegenwart.

"Wir erleben auch in der Politik eine Diktatur der Gegenwart über die übrige Zeit, auch über die Zukunft." Ihre  Gestaltung verpassen wir gerade. Stattdessen: Dystopien, Angst vor der Hölle 4.0, der digitalen Diktatur. Man solle nicht Angst davor haben, sondern man solle im Gegenteil sagen: "Okay, wenn wir nicht die Dystopie wollen, wenn wir nicht die Decke über den Kopf ziehen wollen, also eine Retropie entwickeln – früher war alles besser – dann müssen wir eine realistische Utopie entwickeln, die eine  Alternative zur Dystopie sein kann." (Richard David Precht)

 

"Die Zeit scheint reif, wieder über Utopien nachzudenken. Globalisierte Welt, wirtschaftliche Krisen und Gerechtigkeit sind die Stichworte, die unser Denken und Handeln herausfordern. Viele Theorien und Handlungsweisen sind in Frage gestellt. Demokratie und Sozialstaat haben sich verändert, doch müssen sie zunehmend auf die Problematik einer gerechten Zukunftsgestaltung reagieren. Ähnliches gilt für die Ordnung der Wirtschafts- und Finanzsysteme, die sich längst in globalen Koordinaten bewegen, aber sich im Lokalen auswirken. Die Frage ist, ob und wie Politik, Wirtschaft und Gesellschaft in der Lage sind, der sich dramatisch ausdehnenden, wandelnden und beschleunigenden Welt die richtigen Mittel anzubieten. Gefordert ist ein utopisches Denken, das Zeitkritik zur Sprache bringt und Denkwenden provoziert." (Die Gegenwart der Utopie: Zeitkritik und Denkwende)

 Illustration zu dem Buch von Friedrich Eduard Bilz: ''Der Zukunftsstaat. Staatseinrichtung im Jahre 2000.'' Verlag F.E. Bilz, Leipzig 1904

Nur noch die Utopie ist konkret

Utopisches Denken – das meint keineswegs (nur) den Blick in die Glaskugel einer fernen Zukunft. Vielmehr braucht gerade die Gegenwart angesichts aktueller Herausforderungen (von denen die Digitalisierung nur eine darstellt) eine Perspektive, die aus der kritischen Reflexion des Gewesenen das Denkbare, das möglich Erscheinende entstehen lässt – und zwar in seiner Ambivalenz von dystopischer Warnung bis zum „Prinzip Hoffnung“. Der Philosoph Oskar Negt bringt es auf die Formel „Soziales Gedächtnis und Utopiefähigkeit sind zwei Seiten derselben Sache“ und schreibt, wer „über Verluste, die er erlitten hat, nicht trauern kann, hat auch keine Kraft zur Utopie“.

Diese Kraft sollte auch in der Schule aktiviert werden, durch ernsthafte und ergebnisoffene Diskussionen. Impulse können dafür literarische und filmische Werke liefern, so etwa Aldous Huxley, der seiner Dystopie „Brave New World“ dreißig Jahre später mit „Eiland“ einen diskutablen Gegenentwurf folgen ließ, das Hineindenken in den Begriff der aus Erinnerungs- und Utopiefähigkeit bestehenden „Historischen Kompetenz“ des Philosophen Oskar Negt sowie die Begleitung eines Besuchers vom „Planeten der Habenichtse“ in eine kapitalistische Gesellschaft. Diesen Besuch kommentiert die SF-Autorin Ursula K. LeGuin wie folgt: Die grundlegende Idee, alles mit allen zu teilen, bedeutet in einer kapitalistischen Gesellschaft, in einer Munitionsfabrik ein Streichholz anzuzünden.

Auch und gerade wenn man fest mit beiden Beinen auf der Erde steht, kann man den Kopf hoch in den Himmel recken und zwischen den Wolken nach Ausblicken auf Sonne, Mond und Sterne hoffen…

Solidarische Ökonomie - Eine andere Welt ist möglich!

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Solidarische Ökonomie bezieht sich auf bedürfnisorientierte, soziale, demokratische und ökologische Ansätze. Solidarökonomische Projekte sollen grundsätzlich im Dienste des Menschen stehen. Weiterhin basiert sie häufig auf der Überzeugung, dass jeder Mensch Teil der Gesellschaft und seine Arbeit ein wesentlicher Bestandteil für den Fortschritt der Menschheit sei. Lesen Sie mehr
Karl Marx

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Nur wenige Denker haben so große Wirkung entfaltet wie der Philosoph, Ökonom und Gesellschaftstheoretiker Karl Marx. Als Philosoph hat er Freiheit und Emanzipation ins Zentrum seiner Gedanken und seiner politischen Arbeit gestellt. Und Marx‘ Denkansätze sind nach wie vor bedeutsam, um zu verstehen, wie der Kapitalismus funktioniert. Lesen Sie mehr
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Tage der Utopie

Weltuntergang oder ideale Gesellschaft. Warum wir Utopien brauchen

Gedicht von Eduardo Galeano

„Die Utopie sie steht am Horizont. Ich bewege mich zwei Schritte auf sie zu und sie entfernt sich um zwei Schritte. Ich mache weitere 10 Schritte und sie entfernt sich um 10 Schritte. Wofür ist sie also da, die Utopie? Dafür ist sie da: um zu gehen!“

    Nur noch Utopien sind realistisch

    „Nur Utopien sind noch realistisch!“ Dieser provokante Satz des Sozialphilosophen Oskar Negt meint, dass Utopien eigentlich die Erkenntnis und Handlungsquelle von Veränderung sind. Die Utopie beginnt da, wo wir anfangen, sie zu formulieren und eine neue Welt zu bauen.

    Themenschwerpunkt

    Was ist aus den Utopien und Visionen von Thomas Morus geworden? Der Schwerpunkt "Zukunft denken. 500 Jahre 'Utopia'" in Deutschlandradio Kultur sucht nach Antworten vom 18. bis 27. Dezember. Die Übersicht der Themen und alle bereits gesendeten Beiträge gibt es hier zu lesen und zu hören: Utopien in Politik, Gesellschaft und Kunst -

    Die Zukunft der Utopie

    "Von technischen Möglichkeiten und sozialen Visionen"

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